Stillförderung von Kindern mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte

Kann ein Kind mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte das Trinken an der Brust lernen?

Bei idealen Vorrausetzungen und intensiver Betreuung durch eine Stillberaterin (Still- und Laktationsberatung, IBCLC) kann das Stillen teilweise möglich sein.
D.h. wenigen Kindern gelingt das volle Stillen, einige Kinder trinken jedoch teilweise an der Brust.
Von großer Bedeutung ist es, dass Sie als Eltern eines Kindes mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte über das Stillen und dem damit einhergehenden Aufwand einen realistischen Eindruck erhalten.
Eventuell konnten sich bereits in Ihrer Schwangerschaft über das Stillen eines Kindes mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte informieren und haben eine Stillberaterin kennen gelernt.

Muttermilch bietet viele gesundheitliche Vorteile für Ihr Kind, und so steht die Versorgung Ihres Kindes mit Muttermilch in der Zeit vor und nach der Operation im Vordergrund.
Hierfür ist das Aufbauen und Aufrechterhalten der Muttermilchproduktion mittels einer Milchpumpe notwendig. Die so gewonnen Muttermilchmengen werden Ihrem Kind gefüttert.
Das Erlernen des Stillens kann parallel dazu durchführt werden, erfordert viel Geduld und muss über einen längeren Zeitraum hinweg trainiert werden.
Viele Stillversuche unterstützen Ihre Milchproduktion. Es ist möglich Ihr Kind über Monate ausschließlich mit Muttermilch zu ernähren.
Ein ausgiebiges Kuscheln im Hautkontakt mit ihrem Baby direkt nach der Geburt und das erste Anlegen im Kreissaal wirkt sich positiv auf das Stillen aus.
Üben Sie mit der Unterstützung einer Stillberaterin das Stillen, lassen Sie sich verschiedene Anlegetechniken erklären.

Einige Mütter entscheiden sich gegen das Stillen, aber für das Abpumpen von Muttermilch.
Einige Mütter entscheiden sich gegen das Stillen und gegen das Abpumpen von Muttermilch.


Welche Vorteile bietet die Muttermilch bzw. das Stillen dem Kind und der Familie?

• Verminderte Infektionsanfälligkeit
• Reduzierte Reizung der Schleimhaut
• Bessere Entwicklung der Gesichtsmuskulatur, des Unter- und Oberkiefers
• Verbesserte Gesichtsmotorik
• Verbesserte Sprachentwicklung
• Im Falle des Verschluckens gibt es bei muttermilchernährten Kindern weniger Pneumonien
• Förderung der Eltern-Kind Interaktion vor allem bei langen Krankenhausaufenthalten
• Verbesserte Wundheilung nach der Operation

Wie pumpe ich Muttermilch für mein Baby ab?

Lassen Sie sich von einer Stillberaterin unterstützen und beraten!

Grundsätzliches ist es möglich, die Milchbildung über viele Monate mittels regelmäßigem Abpumpen aufrechtzuerhalten und Ihr Kind vollständig mit Muttermilch zu ernähren.
Ausschlaggebend für die täglich produzierte Milchmenge und für die Dauer der Milchbildung ist das Pumpmanagement in den ersten Tagen nach der Geburt.
Beginnen Sie 4 – 6 Stunden nach der Geburt Ihres Kindes mit dem Abpumpen. Diese Empfehlung gilt ebenso, wenn Sie einen Kaiserschnitt hatten. Pumpen Sie anschließend in einem Intervall von 3-4 Stunden jeweils für 15-20 Minuten. Das gilt auch für die Nacht. Erst etwa 14 Tage nach der Geburt Ihres Kindes, wenn sich die Milchbildung vollständig etabliert hat, empfiehlt es sich nachts eine Pause von 6-7 Stunden einzuhalten.
Zur Aufrechterhaltung der Milchbildung empfiehlt es sich mindestens 6-8 mal in 24 Stunden für jeweils 15-20 Minuten abzupumpen.

Verwenden Sie zum Abpumpen von Anfang an eine Ameda Elite oder eine Medela Symphonie und stellen Sie sicher, dass Sie später die gleiche Milchpumpe auch zur Miete für zu Hause erhalten. Benutzen Sie zum Abpumpen ausschließlich ein Doppelpumpset, d.h. beide Brüste werden gleichzeitig stimuliert. Durch das Abpumpen mit Doppelpumpset erhöht sich die Ausschüttung der für die Milchbildung zuständigen Hormone und somit erhöht sich auch die Milchmenge, bzw. ist es eher sichergestellt, dass Sie sehr lange für ihr Kind Muttermilch abpumpen können.

Das Milchpumpenzubehör (Brustglocke bzw. Brusttrichter) gibt es in verschiedenen Tunnelgrößen (=24 oder 30 mm). Es ist sehr wichtig, dass Sie das Milchpumpenzubehör ihrer Brustgröße entsprechend wählen. Denken Sie daran, Ihre Brustwarzen sollten durch das Abpumpen möglichst nicht verletzt werden. Verwenden Sie also eine Tunnelgröße von 24 mm wenn Sie eine eher kleinere Brust haben und eine Tunnelgröße von 30 mm wenn Ihre Brust größer ist. Die Wahl der Tunnelgröße wirkt sich auch auf die erzielte Milchmenge aus.
Lassen Sie sich beraten!


Der Abpumpvorgang:

1) Setzen Sie sich zum Abpumpen in einen Raum, der ihre Intimsphäre schützt und Sie sich wohl fühlen können.
2) Bereiten Sie sich alle benötigten Gegenstände und ein Glas Wasser oder ein Glas Tee für Ihren Durst vor.
3) Waschen Sie sich die Hände mit Flüssigseife!
4) Bereiten Sie Ihre Brust auf das Abpumpen vor, indem Sie den Milchspendereflex mittels Massage (mit 2-3 Fingern die Brust massieren) oder/und Wärme (feucht-warme Windel/Waschlappen oder Wärmeflasche auflegen) auslösen.
5) Wenn Sie einen erschwerten Milchspendereflex haben und daher keine Milch zum Benetzen der Brustwarze vor dem Abpumpen zur Verfügung bekommen, tragen Sie vor dem Abpumpen hauchdünn LANSINOH auf die Brustwarzen auf.
6) Setzen Sie nun die beiden Brusttrichter mittig auf die Brustwarzen auf und beginnen Sie mit dem Abpumpen.
7) Sie sollten so abpumpen wie ein Baby an der Brust trinken würde.
D.h. zuerst den Milchfluss stimulieren indem Sie den Zyklus ihrer Pumpe auf Maximum aufdrehen, das Vakuum ihrer Pumpe beginnend eher gering einstellen – wichtig ist es, dass Sie keine Schmerzen spüren. Bis zum Milcheinschuss pumpen Sie während des gesamten Abpumpvorganges mit maximalem Zyklus und drehen je nach Ihrem Empfinden eventuell das Vakuum noch etwas stärker auf.
Wenn die Milch zu fließen beginnt, reduzieren Sie den Zyklus um die Hälfte. Ein Baby das an der Brust trinkt, saugt ebenso langsamer, sobald es Milch im Mund spürt.
8) Während eines Abpumpvorganges können Sie ihren Milchspendereflex mehrmals auslösen indem Sie den Zyklus wieder auf das Maximum drehen oder das Abpumpen kurz für eine Massage oder Wärme unterbrechen.
9) Nach dem Abpumpen das Vakuum zuerst ausschalten und erst danach die Brustrichter von Ihrer Brust entfernen.
10) Muttermilch auf den Brustwarzen eintrocknen lassen oder nochmals hauchdünn LANSINO auftragen.
11) Nach jedem Abpumpen frische Stilleinlagen verwenden!


Sollten Sie noch keine Muttermilch haben, pumpen Sie dennoch volle 15 Minuten ab – dies dient der Stimulation. Pumpen Sie für Ihr Kind immer im Überschuss. Zwei Wochen nach der Geburt empfiehlt es sich, in 24 Stunden etwa 500 bis 1000 ml Muttermilch sammeln zu können.
Damit ist sichergestellt, dass Ihre Hormone für die Milchbildung so stimuliert wurden, dass Ihre Milchmenge lange ausreichend ist und über viele Monate lang aufrechterhalten bleiben kann.


Wie kann ich Muttermilch sammeln und aufbewahren?

Sammeln Sie nach dem Pumpen ihre Muttermilch in einer zuvor ausgekochten und im Handel problemlos erhältlichen Babyglasflasche oder in einem polyprophylen Gefäß (z.B. Avent Module) und verschließen Sie diese gut.

Muttermilch können sie für ihr Baby für 72 Stunden im Kühlschrank aufbewahren oder wenn ihnen etwas übrig bleibt, für 6 Monate in einem Gefrierschrank bei mindestens –18° einfrieren.

Muttermilchgefrierbeutel eignen sich nur bedingt (am Besten LANSINOH Muttermilchgefrierbeutel). Das Auftauen gestaltet sich als aufwendig, und es kann Probleme mit der Hygiene bringen.

Sie können Muttermilch, die innerhalb von 24 Stunden gesammelt wurde, zusammenleeren. Bitte achten Sie darauf, dass Sie auf die kalte Muttermilch im Kühlschrank nur die bereits abgekühlte frische Muttermilch dazuleeren.

Wie kann ich eingefrorene Muttermilch auftauen und erwärmen?

Muttermilch können Sie im Kühlschrank auftauen. Die so aufgetaute Muttermilch ist weitere 24 Stunden im Kühlschrank haltbar.
Erwärmen Sie ihre Muttermilch unmittelbar vor dem Füttern nur minimal unter fließend warmen Wasser, in einem Wasserbad oder in einem Flaschenwärmer (Vorsicht: Temperatur sollte einstellbar sein)
Keinesfalls darf Muttermilch in der Mikrowelle oder auf der Herdplatte erhitzt werden!
Wenn Sie Muttermilch zu stark erhitzen, werden viele wertvolle Inhaltsstoffe geschädigt!

Fühlen Sie selbst die Wärme Ihrer Milch wenn diese aus Ihrer Brust fließt – Sie werden sehen, frische Muttermilch ist maximal lauwarm.


Wie kann ich mein Baby nach der Entbindung am besten auf das Stillen vorbereiten?

Sprechen Sie bereits in ihrer Schwangerschaft mit der Still- und Laktationsberatung, die Sie und ihr Kind nach der Entbindung in der Klinik betreuen wird.
Genießen Sie mit ihrem Kind besonders das Kuscheln im Hautkontakt mit dem Baby direkt nach der Geburt und versuchen Sie ihr Kind noch unmittelbar nach der Geburt das erste Mal anzulegen.
Das häufige Anlegen vor dem Milcheinschuss ist für Ihr Kind besonders wertvoll, da Ihre Brust zu diesem Zeitpunkt noch weich und gut formbar ist.
Ein aufrechter Rückengriff erweist sich für Kinder mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten häufig als sehr günstig.
Zusätzlich sollten Sie 4-6 Stunden nach der Geburt mit der Stimulation Ihrer Milchbildung mittels Milchpumpe beginnen.
Das Abpumpen nach einem Stillversuch ist besonders ergiebig!
Wenn es notwendig ist, ihr Baby zu den Stillversuchen zusätzlich mit Nahrung zu versorgen, so verwenden Sie in den ersten Tagen hierfür einen Löffel, eine Spritze, ein Medikamentenschiffchen oder füttern Sie per Fingerfeeding zu.
Ist das Stillen erfolgreich, bleiben Sie bei ihrer gewählten Zufütterungsart.
Ist das Stillen nicht erfolgreich und benötigt Ihr Baby eine Magensonde, probieren Sie zusätzlich zum Stillen auch das Füttern mit der Flasche.
Ein breiter, weicher Sauger der Ihrem Kind einen kompletten Mundschluss und eine volle Lippenauflage ermöglicht, ist empfehlenswert.
In der ersten Lebenswoche erhält Ihr Kind eine Gaumenplatte, um eine physiologische Zungenstellung zu gewährleisten. Die Stillversuche und das Zufüttern können auch ohne Gaumenplatte erfolgen. Das Kind hat so die Möglichkeit, ihre Brust oder ihren Finger besser zu fühlen.
Sie können Ihr Baby bis zur Operation mit abgepumpter Muttermilch versorgen. In dieser Zeit fördern viele Stillversuche und intensiver Hautkontakt den Stillerfolg nach der Operation.
Das Stillen kann vor der ersten Operation Ihres Kindes (Lippenverschluss) teilweise möglich sein!


Anlegetechnik für ein Kind mit einer einseitigen Lippen-Kiefer-Gaumenspalte.

Holen Sie sich Unterstützung durch eine Stillberaterin und lassen Sie sich verschiedene Anlegetechniken erklären.

1. Legen Sie Ihr Kind so an, dass Ihre Brust von der Seit in den Mund kommt, an der sich die Spalte befindet.
2. Massieren Sie die Brust oder legen Sie warme Kompressen auf, um den Milchspendereflex zu fördern. Für Ihr Kind kann es einfacher sein, wenn es sich nicht anstrengen muss, um Ihre Milch zum Fließen zu bringen.
3. Ihr Neugeborenes legen Sie in einem aufrechten Rückengriff an. Wenn Ihr Kind größer ist, kann der Hoppe-Reiter-Sitz bequemer sein.
4. Bieten Sie Ihrem Kind pro Stillmahlzeit nur eine Brust an, damit Ihr Kind zu der besonders fettreichen Muttermilch kommen kann.
5. Legen Sie ihren Zeigefinger auf das obere Ende Ihres Warzenvorhofes und Ihren Mittelfinger auf das untere Ende. Ziel ist es, die Brustwarze gut hervorkommen zu lassen.
6. Benetzen Sie Ihre Brustwarze mit Muttermilch.
7. Halten Sie Ihr Kind aufrecht im Rückengriff, um so zu verhindern, dass Ihre Milch in den Nasenraum Ihres Kindes gelangt.
8. Kitzeln Sie mit Ihren Fingern die Lippen Ihres Kindes, damit es den Mund weit öffnet!
9. Sobald der Mund weit offen und die Zunge über der unteren Zahnleiste sichtbar ist, versuchen Sie Ihr Kind an die Brust zu bringen.
10. Füllen Sie die Lippenspalte ihres Kindes mit Ihrem Daumen aus.
11. Versuchen Sie das Kinn sanft nach innen zu drücken um den negativen Druck im Mund zu erhöhen.
12. Wenn kein Vakuum aufgebaut werden kann, versuchen Sie das Anlegen noch einmal und verstärken Sie Ihre Bemühungen, die Spalte mit Ihrem Brustgewebe und Ihrem Finger auszufüllen.
13. Man kann sagen: Probieren macht die Meisterin!
14. Ein hörbares Schlucken ist ein sicheres Zeichen dafür, dass Ihr Kind richtig angelegt ist.
15. Fehlt das hörbare Schlucken oder kann man hören, dass Luft durch die Spalte kommt, saugt Ihr Kind nicht wirkungsvoll, auch wenn es so aussieht, als ob es Saugbewegungen macht.
16. Kann Ihr Kind keinen ausreichenden Saugschluss oder negativen Druck aufbauen oder ist sein Saugverhalten nicht korrekt, wird es zu wenig Milch erhalten.
17. Es ist wichtig, die Milchaufnahme durch eine geeignete Maßnahme zu unterstützen.
18. Es muss individuell beurteilt werden, welche Zufütterungsmethode (Fingerfeeding, Löffel, Spritze, Brusternährungsset, Flasche) für Sie und Ihr Kind die Beste ist.
19. Alternative Fütterungsmethoden sollten am Anfang der Flasche vorgezogen werden.

Welche weiter Literatur gibt es?

Broschüre von Medela: „Lasst uns etwas Zeit / Wie Kinder mit einer Lippen- und Gaumenspalte gestillt werden können“ von Christa Herzog-Isler und PD Dr. med. Dr. med. dent. Klaus Honigmann
• „Gespaltene Gefühle“ Regina Masaracchia, Oesch Verlag


Franziska Moser
DKKS, IBCLC, Still- und Laktationsberatung,
Univ.-Kliniken für Kinder- und Jugendheilkunde, Kinderchirurgie,
Paracelsus Medizinische Privatuniversität
Universitätsklinikum Salzburg
Müllner-Hauptstr. 48
A-5020 Salzburg